In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
03.09.2020

Stadtgrün

Biodiversität Landnutzung Ökosystemleistungen
Grünlandflächen sind ein wichtiger Teil der Stadt, ihre Ökosystemfunktionen jedoch sind nicht sehr gut erforscht. © Jonas Tebbe | Unsplash
Grünlandflächen sind ein wichtiger Teil der Stadt, ihre Ökosystemfunktionen jedoch sind nicht sehr gut erforscht. © Jonas Tebbe | Unsplash

Text: JULIA LIDAUER

Städtische Grünflächen, wie das Tempelhofer Feld, sind komplexe Ökosysteme. Aber wie „gesund“ sind diese Flächen eigentlich und was können wir tun, um Stadtgrün zu erhalten?

Ein sonniger Tag auf dem Tempelhofer Feld mitten in Berlin könnte so oder so ähnlich aussehen: Dort macht ein Paar ein gemütliches Picknick, hier spielen zwei Hunde miteinander, auf der anderen Seite des Weges führt jemand eifrig Yogaübungen durch und versteckt im hohen Gras baut eine Feldlerche an ihrem Nest. Während die meisten Menschen in ihrer Freizeit das 300 Hektar große, ehemalige Flugfeld zur Erholung aufsuchen, kommt Gabriela Onandia heute für Ihre Arbeit hierher. Am nördlichen Ende des Feldes nimmt die Wissenschaftlerin Proben auf einem 16 Quadratmeter großen Stück Grünlandfläche. In insgesamt 20 kleinen „Landschaftslaboren“ in ganz Berlin erforscht die Biologin das Zusammenspiel von Stadt und Biodiversität.

Gabriela Onandia arbeitet seit 2015 am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. – aktuell im Projekt „Brücken bauen in der Biodiversitätsforschung“ (BIBS). Die Spanierin studierte Biologie in Alicante, machte dann ihren Masterabschluss in Umweltwissenschaften an der Universität in Gothenburg und kehrte für ihre Promotion an die Universität von Valencia nach Spanien zurück. Dann zog es sie nach Deutschland – genauer gesagt: Brandenburg. Am ZALF beschäftigt sie sich mit der Frage, wie sich Ökosysteme in Abhängigkeit von Umweltfaktoren und der biologischen Vielfalt verändern. „Seit meiner Kindheit liebe ich es, draußen, in der Natur zu sein“, antwortet die Wissenschaftlerin auf die Frage, warum sie sich für eine Laufbahn in den Umweltwissenschaften entschieden hat. „Ich war immer neugierig und wollte wissen, wie die Natur um mich herum funktioniert und warum verschiedene Spezies verschiedene Umgebungen bevorzugten.“ Mit Ihrer Arbeit im Projekt BIBS kommt sie der Antwort auf diese Frage nun ein Stück näher.

Das Ziel des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projektes ist es, zentrale Antworten auf die Fragen der Biodiversitätsforschung zu finden. Wie beeinflussen sich Ökosysteme an Land und im Wasser, in Städten und ländlichen Räumen sowie über und unter der Erde? Gabriela Onandias Fokus liegt auf urbanen Grünflächen, genauer gesagt darauf, wie Ökosysteme in städtischen Grünflächen funktionieren, in welchem Zustand sie sich befinden und was wir tun können, um sie zukünftig noch besser zu erhalten und zu schützen.

Städtische Grünflächen sind geprägt von zahlreichen Einflüssen wie Beschattung, Luftverschmutzung und Versiegelung. © Carlos Acame | ZALF

Urbane Ökosysteme

Ökosysteme erbringen kostenlose Dienstleistungen für den Menschen, indem sie beispielsweise einen Zugang zu Wasser oder Nahrung, frischer Luft oder Erholung ermöglichen. Forscherinnen und Forscher sprechen von Ökosystemleistungen. Die Bereitstellung dieser Leistungen hängt vom Wechselspiel zahlreicher Organismen, der Biodiversität und schlussendlich auch davon ab, wie gut diese Naturräume „funktionieren“.

Weltweit zieht es Menschen in Städte, immer mehr „Megacities“ entstehen. Diese Urbanisierung treibt auch die Veränderung von Ökosystemen an. Gabriela Onandia und ihr Team untersuchen daher Umweltfaktoren, die städtische Ökosysteme beeinflussen. Hierzu gehören etwa klimatische Faktoren, wie die Temperatur, die Wasserverfügbarkeit, das Licht sowie die Strömung und Konzentration von Nährsalzen und anderen chemischen Stoffen. Aber auch Tiere und Pflanzen, die in städtischen Ökosystemen auf engem Raum zusammen leben, sind für die Forscherinnen und Forscher relevant.

Messungen führte das Team auf 20 Grünflächen in Berlin durch, darunter auf dem Tempelhofer Feld, im Spandauer Forst oder dem Park am Nordbahnhof. „Bei der Auswahl der Untersuchungsgebiete war uns wichtig, dass die Grünlandflächen unterschiedlich stark von der Verstädterung beeinflusst sind, um einen guten Eindruck vom Gesamtzustand zu bekommen“, sagt Gabriela Onandia. Als urbane Grünlandflächen kamen alle Wiesen und Rasenflächen in häuslichen Gärten, Parks, unbebauten Grundstücken, Überreste von ländlichen Landschaften und Flächen an Transportwegen, wie Autobahnen oder Zugstrecken, für die Forschungsarbeiten in Frage. Als die Pflanzen im Spätsommer den Höhepunkt ihrer Wachstumsphase erreicht hatten, besuchte Onandias Team dann alle Flächen und nahm Proben von verschiedenen Pflanzen. Die Biologin interessierte, wie gut diese auf den unterschiedlichen Flächen wuchsen und welche Umweltfaktoren für die Fläche bestimmend waren.

Die Forscherinnen und Forscher nehmen Proben auf einer Grünlandfläche. © Carlos Acame | ZALF

Biodiversität schützen

Mit Ihrer Arbeit gelang es der Forscherin, zu zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Biodiversität und Pflanzenwachstum gibt. „Je höher die Artenvielfalt auf den von uns untersuchten Flächen, desto höher ist auch die gemessene Biomasse“, erklärt Gabriela Onandia.

Eine weitere wichtige Beobachtung der Forscherin betrifft sogenannte Neophythen, also Pflanzen, die erst nach 1492 in die Ökosysteme gelangten. „In Folge der Entdeckung Amerikas kamen viele neue Arten nach Europa“, so Onandia. „Die Biomasse der einheimischen Pflanzen wird hauptsächlich von der biologischen Vielfalt bestimmt, während die Biomasse fremder Pflanzen in den untersuchten Arealen eher von städtischen Faktoren beeinflusst wird.“ Neophyten kommen mit der Urbanisierung ihrer Ökosysteme also in Berlin besser zurecht. Wahrscheinliche Gründe sind die größere Robustheit etwa bei Dürre.

Welche Auswirkungen hat das auf heimische Arten? Werden einheimische Arten zunehmend verdrängt und hat das einen positiven oder negativen Einfluss auf den Zustand von städtischen Ökosystemen? „Sowohl als auch“, sagt Prof. Gunnar Lischeid, der die ZALF-Arbeitsgruppe leitet, in der Gabriela Onandia forscht. „Es gibt einige Neophyten, die sich sehr aggressiv ausbreiten und kaum noch zu stoppen sind, wie z. B. das Drüsige Springkraut, der Riesenbärenklau, oder der Japanische Staudenknöterich. Andere Neophyten besetzen eher kleine Nischen und bereichern teilweise das Nahrungsangebot für einheimische Insekten und andere Pflanzenfresser.“

Entnommene Proben einer Grünlandfläche. © Carlos Acame | ZALF
Entnommene Proben einer Grünlandfläche. © Carlos Acame | ZALF

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass es sehr wichtig ist, die Biodiversität in urbanen Ökosystemen zu schützen. „Berlin und andere Großstädte sollten anstreben, die Vielfalt der Pflanzenarten auf ihren Grünflächen zu erhalten“, sagt Onandia.

„Urbane Lebensräume weisen oft eine sehr hohe Biodiversität auf, auch auf Flächen, die für den Laien sehr unspektakulär und unordentlich aussehen“, ergänzt Lischeid. „Eine zu große Ordnungsliebe geht hier oft zulasten der Biodiversität. Andererseits haben unüberlegte oder gut gemeinte Anreicherungen der lokalen Biodiversität durch Aussetzen fremder Arten, wildes Entsorgen von Gartenabfällen und Tierkot etc., fatale Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt, die im urbanen Raum mit seinen vielfältigen Belastungen ohnehin schon unter Stress steht.“

Urbanisierung, und damit Faktoren wie zum Beispiel Luftveränderungen durch Abgase, Temperatur und Licht, hängen von uns Menschen ab. Wie wir die Ökosysteme in unserer Umwelt beeinflussen, können wir selbst entscheiden und steuern. Wie stark die Lichtverschmutzung in unseren Städten ist, wie warm es zukünftig auf unserem Planeten sein wird, wie sehr wir unsere städtischen Böden schützen, all das beeinflussen Stadtplanerinnen und Stadtplaner, die Politik, Touristen, Natur- und Umweltschützer/innen sowie Anwohnerinnen und Anwohner. Wie also zum Beispiel das Tempelhofer Feld in Zukunft aussieht und ob die Feldlerchen weiterhin dort ihre Nester bauen – 2019 wurden 200 Brutpaare auf dem ehemaligen Flugplatz gezählt – hängt also auch von uns und unseren Entscheidungen ab. „Wenn wir weiterhin die Dienstleistungen der Natur in Anspruch nehmen wollen, müssen wir nachhaltig mit ihr umgehen und die Biodiversität in unseren Städten erhalten“, appelliert Gabriela Onandia.

Erschien zuerst im: querFELDein-Blog
Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Ansprechpartner/in: Dr. Gabriela Onandia

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