In Zusammenarbeit mit: Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)

Prof. Dr. Susanne Klaus im Interview: Welche Bedeutung haben Proteine für unsere Gesundheit?

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Frau Prof. Dr. Susanne Klaus, Leiterin der Abteilung „Physiologie des Energiestoffwechsels“ am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE). © David Ausserhofer | DIfE.
Frau Prof. Dr. Susanne Klaus, Leiterin der Abteilung „Physiologie des Energiestoffwechsels“ am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE). © David Ausserhofer | DIfE.

Interview: Susann-Cathérine Ruprecht

Proteine – auch als Eiweiße bekannt – bestehen aus miteinander verknüpften Aminosäuren, die unser Körper zu einem großen Teil nicht selber herstellen kann und daher über die Nahrung zugeführt werden müssen. Proteine sind somit lebensnotwendig. Über ihre bedeutende Rolle für die Gesundheit sprachen wir mit Prof. Susanne Klaus, Leiterin der Abteilung „Physiologie des Energiestoffwechsels“ am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE).

Welchen Stellenwert haben Proteine in unserem Körper?

Proteine machen nach Wasser mit etwa 10 Kilogramm den größten Anteil am Körpergewicht bei Erwachsenen aus. Obwohl man Proteine neben Fetten und Kohlenhydraten zu den energieliefernden Makronährstoffen zählt, nehmen sie eine Sonderstellung ein. Proteine werden nämlich nie rein als Energiespeicher im Körper eingelagert. Anders als Fette, die im Fettgewebe, und Kohlenhydrate, die als Glykogen in der Leber und im Muskel gespeichert werden, haben körpereigene Proteine immer eine bestimmte Aufgabe. Sie sind Strukturelemente im Muskel, Beschleuniger für biochemische Reaktionen in Form von Enzymen oder Rezeptoren und Botenstoffe für die Signalübertragung und Kommunikation von Organen und Zellen.

Wie viel Proteine benötigt unser Körper denn täglich?

Da sich unsere Körperzellen ständig erneuern und dabei Proteine verlieren, ist eine regelmäßige Zufuhr durch die Nahrung nötig. Die notwendige Mindestmenge der täglichen Proteinaufnahme ist schwierig festzulegen, da es große individuelle Unterschiede gibt. Empfehlungen zur Proteinzufuhr beruhen auf Studien zur Stickstoffbilanz. Aminosäuren – die Bausteine der Proteine – enthalten immer Stickstoff. Beim Abbau von Proteinen und Aminosäuren kann nur ein Teil dieses Stickstoffes wiederverwendet werden, der Rest wird vor allem als Harnstoff und Ammonium über den Urin ausgeschieden. Indem man die Menge des ausgeschiedenen Stickstoffs erfasst, kann man berechnen, welche Stickstoffaufnahme in Form von Protein nötig ist, um den Verlust wieder auszugleichen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für Erwachsene bis 65 Jahre eine Proteinzufuhr von 0,8 und für ältere Menschen von 1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Das ergibt je nach Körpergewicht zwischen 40 und 80 Gramm Protein pro Tag, wobei der tatsächliche Verzehr in Deutschland teilweise deutlich höher ist.

Was passiert, wenn wir zu wenig Proteine essen?

Bei einem anhaltenden Proteinmangel kommt es zum Abbau körpereigener Strukturen und langfristig werden unsere Stoffwechsel- und Organfunktionen beeinträchtigt. Dabei kommt es vor allem zu einem Abbau der Muskulatur. Unser Körper reagiert aber sehr empfindlich auf einen Proteinmangel, so dass – ein ausreichendes Nahrungsangebot vorausgesetzt – kein Mangelzustand zu befürchten ist. Es existiert die so genannte „Proteinhebel“-Hypothese, nach der unser Körper die Nahrungsaufnahme so reguliert, dass wir immer genügend Proteine aufnehmen. Das heißt, wenn wir relativ proteinarme Lebensmittel wie beispielsweise Süßigkeiten oder Chips essen, wird unser Appetit trotz der hohen zugeführten Energie aus Kohlenhydraten und Fett größer. Wir essen so lange, bis der Körper seinen Proteinbedarf gedeckt hat.

Das heißt also, eine proteinreiche Ernährung sättigt besser?

Ja, genau. Wenn unsere Mahlzeiten proteinreiche Lebensmittel wie z. B. Hülsenfrüchte, Milch- und Milchprodukte, Eier, Fleisch und Fisch enthalten, sind wir schneller satt und essen weniger. Das ist auch die Basis für den Erfolg proteinreicher Diäten, wenn man abnehmen oder sein Gewicht halten möchte.

Was ist besser: tierische oder pflanzliche Proteine?

Da Proteine an sich nicht im Körper gespeichert werden können, müssen wir täglich genügend essen, um den Bedarf an den essentiellen Aminosäuren, die unser Körper ja nicht selber herstellen kann, zu gewährleisten. Allgemein haben dabei pflanzliche Proteine eine geringere biologische Wertigkeit als tierische Proteine, die in ihrer Zusammensetzung unserem eigenen Aminosäureprofil ähnlicher sind. Das bedeutet, dass man mehr und möglichst verschiedene pflanzliche Proteine verzehren muss, um ausreichend mit essentiellen Aminosäuren versorgt zu werden. Es bedeutet aber nicht, dass tierisches Protein deshalb gesünder wäre. Es ist sehr gut belegt, dass Menschen, die viel Obst und Gemüse und wenig oder gar kein Fleisch essen, tendenziell gesünder sind als solche, die viel rotes Fleisch verzehren. Dabei ist aber noch nicht klar, ob das wirklich am Protein liegt oder an anderen Faktoren. Ein aktuelles Studienergebnis meines Kollegen Dr. Thomas Laeger deutet z. B. im Mausmodell darauf hin, dass eine verringerte Zufuhr der Aminosäure Methionin, die größtenteils in tierischen Proteinen enthalten ist, positiv auf den Zuckerstoffwechsel wirkt und die Insulinempfindlichkeit erhöhen kann. Berücksichtigt man dazu noch Aspekte der Nachhaltigkeit, des Ressourcenschutzes und des Tierwohls, ist es ratsam, möglichst wenig Fleisch zu essen und den täglichen Proteinbedarf aus pflanzlichen Quellen, zum Beispiel Hülsenfrüchten wie Linsen, Bohnen und Kichererbsen, zu decken.

Sie und Ihre DIfE-Kollegen haben 2018 in einer Klausurtagung das Proteinparadox thematisiert. Was versteht man darunter?

Die Höhe der Proteinzufuhr spielt beim Proteinparadox eine Rolle und wird kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite wurde klar gezeigt, dass eine Erhöhung des Proteinverzehrs anabole Wirkung hat, d.h. die Muskelmasse erhöht, und dass Diäten mit einem hohen Proteinanteil sehr effektiv sind bei der Prävention und Therapie von Fettleibigkeit und Stoffwechselstörungen. Studien am DIfE konnten z. B. zeigen, dass die Erhöhung der Proteinzufuhr bereits nach sechs Wochen zu einer dramatischen Reduzierung der Fettleber und der Insulinresistenz bei übergewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes führte. Interessant ist dabei, dass Hochproteindiäten sättigender wirken und dadurch die Kalorienaufnahme verringern, wodurch sich sicherlich ein Teil der positiven Effekte erklären lässt.

Auf der anderen Seite wird die lebensverlängernde Wirkung einer kalorien- und proteinreduzierten Ernährungsweise propagiert, was durch epidemiologische Studien unterstützt wird. So wurde gezeigt, dass ein niedriger Proteinverzehr mit einer verringerten Sterblichkeit und Krebsrate bei Erwachsenen unter 65 Jahren assoziiert war. Allerdings war bei über 65-jährigen ein höherer Proteinverzehr vorteilhaft. Die Interpretation solcher Studien ist schwierig, da ja letztendlich die verzehrten Lebensmittel nicht nur Proteine, sondern eine ganze Reihe anderer biologisch wirksamer Inhaltsstoffe enthalten. Wir wissen auch noch zu wenig über die spezifischen Effekte der verschiedenen Aminosäuren oder ihrer Abbauprodukte. Die endgültige Aufklärung des Proteinparadoxes wird daher die Ernährungswissenschaft sicher noch längere Zeit beschäftigen.

Verraten Sie uns noch, wie Sie Ihren täglichen Proteinbedarf decken?

Schon seit einigen Jahren esse ich kein Fleisch und keine Wurst mehr, dafür sehr gerne Fisch und Meeresfrüchte. Bei uns kommen auch oft Gerichte mit Tofu und Hülsenfrüchten wie Linsen und Kichererbsen auf den Tisch.

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Institution: Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Ansprechpartner/in: Prof. Dr. Susanne Klaus

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