In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
04.03.2021

Pandemie mit Folgen? Wie sich COVID-19 auf Gewässer und Fischerei auswirken könnte  

Biodiversität Fischerei Gewässer Naturschutz
© Jeffrey Blum | Unsplash
© Jeffrey Blum | Unsplash

Text: ANGELINA TITTMANN

Profitieren Gewässer und Fischbestände von der globalen COVID-19-Pandemie und ihren Einschränkungen für Wirtschaft und Gesellschaft? Kurzfristig ja, langfristig vermutlich nicht – zu diesem Schluss kommt ein internationales Expertenteam, darunter IGB-Wissenschaftler Robert Arlinghaus. Die Forschenden haben mögliche negative und positive Auswirkungen auf die Biodiversität von Süßwasserfischen zusammengetragen. Ihr Ziel: Wechselwirkungen zwischen den durch die Pandemie verursachten gesellschaftlichen Veränderungen und bereits bestehenden Bedrohungen für Süßwasserökosysteme aufzuzeigen, um daraus mögliche Folgen für die globale Fischvielfalt und die Fischerei abzuleiten.

Hörbeitrag

Für diejenigen, die lieber hören, statt lesen.

Schon vor COVID-19 waren Gewässer und Fischbestände einem hohen Nutzungsdruck und vielfätigen Bedrohungen ausgesetzt. Doch diese Bedrohungen könnten sich durch die Pandemie langfristig verändern, vermuten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem Beitrag, der in der Fachzeitschrift Biological Conservation veröffentlicht wurde.

Positive und negative Folgen – oft zwei Seiten einer Medaille

1. Invasive Arten

Invasive Arten zum Beispiel gelten als eine der Hauptursachen für den Rückgang der aquatischen Biodiversität. Durch weniger Reiseverkehr sinkt auch der unbeabsichtigte Transport solcher Arten, aber nur auf kurze Sicht. Erholt sich die Wirtschaft, beschleunigen sich auch die Invasionen wieder. Erschwerend kommt hinzu, dass COVID-19 weltweit gesehen zu erheblichen Budgetkürzungen bei der Kontrolle invasiver Arten geführt hat; Überwachungs- und Regulierungsmaßnahmen sowie wissenschaftliche Programme wurden vielerorts eingeschränkt.

2. Fließgewässerfragmentierung

Ein weiteres Beispiel, das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anführen, ist die Fragmentierung von Fließgewässern durch den Bau von Staudämmen. Zwar hat sich die Bautätigkeit zwischenzeitlich verlangsamt. Wird jedoch der wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie Priorität eingeräumt, könnten Vorschriften und Umweltschutzmaßnahmen gelockert und umstrittene Projekte schneller denn je vorangetrieben werden – vor allem in Ländern, in denen Umweltfragen schon vor der Pandemie eine untergeordnete Rolle spielten. Umweltbelange und Ausgaben für Renaturierungsprogramme könnten aufgeschoben oder zurückgestellt werden.

3. Fischerei

In der Berufsfischerei sank während des Lockdowns vorübergehend der Druck auf die Fischbestände. Vielfach brachen Absatzmärkte, insbesondere auch in der Direktvermarktung zusammen. Unterbrechungen in anderen Sektoren der Landwirtschaft und der Verlust von Einkommen könnten jedoch dazu führen, dass Menschen vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern stärker auf die Süßwasserfischerei als Nahrungsquelle angewiesen sind. Die Forschenden befürchten auch eine Reduktion der Kontrolldichte. Gleichzeitig hat das Angelinteresse durch die Pandemie in vielen Gebieten spürbau zugenommen. Möglicherweise hat das den Fangdruck sogar gesteigert, insbesondere an vielen kleineren Seen und Fließgewässerabschnitten. Reduzierte Angelbeteiligungen sind hingegen in touristisch relevanten Gebieten zu verzeichnen, insbesondere während der Lockdown-Phasen. Das dürfte den Beständen eher zugute kommen.

4. Klimawandel

Ähnlich ambivalent ist das Urteil hinsichtlich des Klimawandels: Die gesunkenen globalen Emissionen können die Klimaauswirkungen zwar kurzfristig reduzieren, die Zeitspanne ist jedoch zu kurz, um negative Trends umkehren zu können. Entscheidend wird deshalb sein, ob wir wirtschaftlich zum “Business as usual” zurückkehren oder stattdessen eine neue Klimapolitik umsetzen, die eine Umstellung auf saubere Energie vorantreibt.

Blick in die Zukunft

Aus diesen und noch weiteren Gründen schlussfolgern die Forschenden, dass der Zustand der Süßwasserökosysteme und der Fischbestände in 5 Jahren wohl nicht besser sein dürfte als heute. Die Priorisierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erholung nach der Pandemie könnte die bestehenden Bedrohungen beschleunigen und verstärken sowie Naturschutz- und Fischereimanagementaktivitäten beeinträchtigen. Vor allem in Entwicklungsländern wird diese Dynamik erwartet, während zum Beispiel in Europa die EU-Wasserrahmenrichtlinie und die Biodiversitätsstrategie viele Risiken abmildern dürften.

Auch Maßnahmen, die während der Pandemie umgesetzt werden, verursachen längerfristige negative Auswirkungen: Unterbrechungen von Monitoring- und Forschungsprogrammen, Aus- und Weiterbildung schaffen Daten- und Wissenslücken.

Die Expertinnen und Experten empfehlen, Managementmaßnahmen und politische Entscheidungen bereits jetzt so anzupassen, dass die biologische Vielfalt zum Nutzen der Menschen und der aquatischen Ökosysteme erhalten bleibt. Konkret heißt das: Umweltschutzbestimmungen überprüfen und effektiv gestalten, groß angelegte Renaturierungs- und Monitoringprogramme in Konjunkturpakete einbinden und eine Rückkehr zu hohen Emissionswerten verhindern. Sie plädieren außerdem dafür, die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt der Fische nach Aufhebung der Einschränkungen gründlich zu untersuchen und zu bewerten.

Für den Hörbeitrag haben wir den Sound “fish in river.WAV” von 13FPanska_Krug_Antonin, gefunden auf www.freesound.org, verwendet.

Weiterführende Informationen

Prof. Dr. Robert Arlinghaus ist Forschungsgruppenleiter in der Forschungsgruppe “Integratives Angelfischereimanagement“.

Artikel von Cooke et al. (2021), Biological Conservation, A global perspective on the influence of the COVID-19 pandemic on freshwater fish biodiversity, Biological Conservation. – 253(2021), Art. 108932 .

Erschien zuerst im: Newsroom des IGB
Institution: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Ansprechpartner/in: Prof. Dr. Robert Arlinghaus | IGB

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