In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V.
29.09.2020

Naturschutz geht jetzt online

Artenschutz Biodiversität Naturschutz Ökosystemleistungen
Der deutschlandweit erste Online-Marktplatz für zertifizierte Naturschutzprojekte: www.agora-natura.de. Foto: Katarina Sikuljak | Unsplash (bearbeitet)
Der deutschlandweit erste Online-Marktplatz für zertifizierte Naturschutzprojekte: www.agora-natura.de. Foto: Katarina Sikuljak | Unsplash (bearbeitet)

Text: HEIKE KAMPE

Die meisten Menschen finden Naturschutz wichtig und möchten sich engagieren. Doch nur wenige unterstützen Projekte auch finanziell. Mit „AgoraNatura“ geht ein Team aus Wissenschaft, Naturschutz und Landwirtschaft jetzt einen neuen Weg, um mehr Menschen für finanzielles Engagement im Naturschutz zu begeistern: Auf dem Online-Marktplatz www.agora-natura.de können sie ab sofort gezielt in zertifizierte Naturschutzprojekte investieren. Ein eigens geschaffener, wissenschaftlich geprüfter Naturschutzstandard, regionale Projekte mit nachweisbaren Effekten und viel Transparenz erleichtern es Privatpersonen und Unternehmen, sich wirksam für die Natur einzusetzen.

Der Lämmersalat ist eine unauffällige Pflanze: Von Juni bis September zeigt sie ihre kleinen gelben Blütenköpfe, die sich an dünnen Stängeln aus dem Boden schieben. An lichtreichen Wegrändern und auf Äckern fühlt sich der Lämmersalat am wohlsten und besiedelt sandigen, nährstoffarmen Boden. Doch genau diese Genügsamkeit wird ihm zum Verhängnis: Der Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft verdrängt das zarte Gewächs zunehmend. Bundesweit ist die Pflanze stark gefährdet, in einigen Bundesländern sogar vom Aussterben bedroht.

Auf den Äckern von Matthias Prüfer in der Prignitz kann man sie aber noch finden. Damit das so bleibt, führt Prüfer Naturschutzmaßnahmen durch. Auf insgesamt einem Hektar Fläche wirtschaftet Prüfer nun ganz ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Düngemittel und mit einem größeren Abstand zwischen den Getreidereihen. In diesem Umfeld kann der Lämmersalat weiterhin existieren.

Falter auf Kornblume © Holger Pfeffer | ZALF
Ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Düngemittel zu wirtschaften, schützt nicht nur Pflanzenarten, sondern auch das Grundwasser, Insekten sowie andere wildlebende Tierarten. © Holger Pfeffer | ZALF

Herr Prüfer übernimmt als Landnutzer damit nicht nur Verantwortung für eine gefährdete Pflanzenart. Seine Maßnahmen schützen gleichzeitig das Grundwasser und fördern Insekten sowie andere wildlebende Tierarten. Dafür nimmt er in Kauf, dass die Schutzflächen weniger Ertrag und damit weniger Einkommen abwerfen. Der Landwirt wird damit aber nicht allein gelassen, sondern erhält einen finanziellen Ausgleich. Das Besondere: Sein Acker ist ein Pionierprojekt des Forschungsvorhabens AgoraNatura. Unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung entwickeln Forscherinnen und Forscher gemeinsam mit Akteuren aus der Landwirtschaft und dem Naturschutz darin einen Online-Marktplatz für zertifizierte Naturschutzprojekte. Dank AgoraNatura haben Landwirt Prüfer und der regionale Energieversorger WEMAG AG zueinander gefunden. Das Unternehmen finanziert nun die Schutzflächen.

„Wir machen die Vorteile des Onlinehandels für den Naturschutz nutzbar“, beschreibt Projektleiterin Prof. Bettina Matzdorf vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. das Ziel von AgoraNatura. Neben dem ZALF sind daran die Universität Greifswald, die Deutsche Umwelthilfe und der Deutsche Verband für Landschaftspflege beteiligt. Jeder kann hier mit wenigen Klicks Anteile an einem Naturschutzprojekt seiner Wahl erwerben und erhält dafür sogenannte Naturschutzzertifikate. Mit jedem Zertifikat wird die Umsetzung des Projekts auf 100 Quadratmeter Fläche finanziert.

Agora Natura-Projektfläche im Ferbitzer Bruch bei Fahrland © Klemens Karkow
Durch die gezielten Spenden engagierter Privatpersonen oder umweltbewusster Unternehmen können Projekte wie dieses im Ferbitzer Bruch bei Fahrland unterstützt werden. © Klemens Karkow

Wer Ergebnisse sieht, investiert eher

Der Name ist Programm: „Agora“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Versammlungsplatz“. „Hier kommen Menschen zusammen, tauschen sich aus und haben ein Mitspracherecht“, erklärt Matzdorf. Auf der einen Seite stehen die Anbieter der Naturschutzprojekte: Menschen aus der Land- und Forstwirtschaft, Umweltverbände oder Landschaftspflegeverbände, die die Maßnahmen entwickeln. Auf der anderen Seite stehen die Menschen und Unternehmen, die sich engagieren wollen.

Projektmitarbeiterin Carolin Biedermann kennt die „klassische Spenderklientel“: Menschen über 60, die über einen langen Zeitraum und oft an dieselben Institutionen spenden. Das Problem sei aber, dass deren Anzahl zurückgeht und der Spendernachwuchs fehle, erklärt Biedermann. „Viele Menschen finden Naturschutz wichtig. Aber wenn es ernst wird und sie um finanzielle Unterstützung gebeten werden, hält sich die Mehrheit zurück.“ Um herauszufinden, woran das liegt, befragten die Forschenden Privatpersonen und Unternehmen nach ihren Einstellungen zu Naturschutz und einem möglichen finanziellen Engagement. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Menschen vor allem dann finanziell einbringen, wenn ein konkretes Problem benannt wird und sie sehen können, wie und wo ihr Geld wirkt – ein Mechanismus, der als „Selbstwirksamkeitserfahrung“ aus der Psychologie bereits gut bekannt sei.

Auch deshalb liegt der Fokus von AgoraNatura auf regionalen Projekten mit konkret beschriebenen Zielstellungen, die für die Menschen vor Ort sichtbar sind: ob die artenreiche Streuobstwiese nebenan, die Insekten anziehende Blühfläche zehn Minuten weiter oder der extensive Acker mit vielen Wildkräutern im Nachbarort. „Besonders für Unternehmen, die eine umweltbewusste Kundschaft aber auch Belegschaft haben, kann regionales Engagement einen Mehrwert bedeuten“, betont Matzdorf.

Mohn und Kornblumen auf einer Agora Natura Projektfläche in Wittbrietzen © Klemens Karkow
Mohn und Kornblumen auf einer Agora Natura Projektfläche in Wittbrietzen © Klemens Karkow

Neue Standards und bessere Sichtbarkeit

Die Forschenden stellten aber auch fest, dass viele Menschen nicht wissen, dass sich eine intakte Umwelt aus einer Vielzahl an Ökosystemleistungen zusammensetzt. Mit Insektenschutz allein ist es oft nicht getan. Wie beim Lämmersalat-Projekt von Matthias Prüfer wird daher auf AgoraNatura zu jedem Projekt genau aufgeschlüsselt: Sorgen die Maßnahmen auf den beteiligten Flächen für mehr Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen, für saubere Gewässer oder weniger klimaschädliche Gase? Fast immer werden mehrere Naturschutzaspekte gleichzeitig adressiert und jeder kann genau das Projekt unterstützen, dessen Ziele besonders wichtig erscheinen.

Für mehr Transparenz und Sicherheit entwickelten die Forschenden einen neuen Standard für die Zertifizierung der Projekte, von denen jedes einzelne nach festgelegten Kriterien geprüft wird. Der NaturPlus-Standard beschreibt unter anderem, wie die Projekte geplant und die gestellten Ziele überprüft werden sollen. Nur Projekte die diesen Standard erfüllen, werden auf AgoraNatura angeboten. „Dadurch wird  transparent, was genau mit dem Geld passiert und welche Leistungen damit erbracht werden“, ergänzt Biedermann.

Für Projektleiterin Prof. Bettina Matzdorf und Carolin Biedermann dient AgoraNatura auch dazu, das finanzielle Engagement von Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen im Naturschutz zu erforschen. © Katharina Richter | ZALF
Für Projektleiterin Prof. Bettina Matzdorf und Carolin Biedermann dient AgoraNatura auch dazu, das finanzielle Engagement von Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen im Naturschutz zu erforschen. © Katharina Richter | ZALF

Derzeit kann man auf AgoraNatura beispielsweise den Landschaftspflegeverband Uckermark-Schorfheide e. V. unterstützen. Dieser plant bei Karlsberg die Anlage einer Nahrungsfläche für den Schreiadler, den Rot- und den Schwarzmilan. Auch diese Vögel gehören zu den Verlierern einer intensivierten Landwirtschaft. Auf Raps- oder Maisfeldern finden sie keine Nahrung. Nun soll die Landbewirtschaftung auf einer Fläche von 16 Hektar umgestellt werden: Statt Getreide und Raps sollen Luzerne und Kleegras als Grünfutter wachsen. Die Mahd erfolgt immer nur stückweise, um Mäuse und Kleinsäuger zu fördern, die die Hauptnahrungsquelle für Greifvögel sind. Gleichzeitig werden die umliegenden Gewässer geschützt, weil die Fläche nicht mehr gedüngt wird.

Es sind Beispiele wie diese, die bisherige Naturschutzfinanzierungen erweitern und ergänzen sollen. „Ich kann direkt vor meiner Haustür Naturschutzprobleme angehen, die mir wichtig sind und die Wirkung der Projekte erleben“, erklärt Biedermann. Denn für alle Projekte gilt: Regelmäßig wird über die erbrachten Leistungen auf AgoraNatura informiert.

Investitionsverhalten als Forschungsobjekt

Nach fünf Jahren Forschung geht der Marktplatz AgoraNatura nun online. „Forschung und Umsetzung liegen hier wirklich dicht beieinander“, sagt Carolin Biedermann. Diese Verzahnung sei eine große Chance, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung. Viele unterschiedliche Akteure mit vielen unterschiedlichen Erfahrungen und Bedürfnissen mussten unter einen Hut gebracht und die Forschungsergebnisse so aufbereitet und übersetzt werden, dass sie in den Marktplatz einfließen.

Mit seinem Start ist die Forschung aber noch lange nicht beendet. Nun können die Forschenden jenseits von Fragebögen und Absichtserklärungen beobachten, was tatsächlich geschieht. „Es gibt wenig fundierte Daten über das finanzielle Engagement von Bürgerinnen und Bürgern und Unternehmen – gerade im Naturschutzkontext“, erklärt Biedermann.

AgoraNatura macht die Vorteile des Onlinehandels für den Naturschutz nutzbar und ermöglicht so auch eine Blühfläche in Ferbitz. © Klemens Karkow
AgoraNatura macht die Vorteile des Onlinehandels für den Naturschutz nutzbar und ermöglicht so auch eine Blühfläche in Ferbitz. © Klemens Karkow

Aus den Daten des Online-Marktplatzes wird das Forschungsteam weiteres Wissen darüber generieren, wann Projekte besonders attraktiv sind, wie Anbieter- und Investorenseite miteinander kommunizieren, wann sich die Bereitschaft zur Unterstützung erhöht und welche Faktoren Hinderungsgründe sein können. Umgekehrt können die Daten verraten, welche Bereiche im Naturschutz für private Geldgeberinnen und -geber kaum infrage kommen und wo damit die Finanzierung durch staatliche Instrumente besonders wichtig ist. Das Problem der Bodenerosion könnte etwa schwieriger zu vermitteln sein als der Schutz von Greifvögeln.

Fünf Pilotprojekte konnten bereits vor dem offiziellen Start des Online-Marktplatzes finanziert werden. Dazu gehört auch der Lämmersalat-Acker von Landwirt Prüfer. Dass die Maßnahme hier Erfolg hat, zeigt das jährliche Monitoring der Fläche: Die Pflanze wächst und breitet sich aus. Doch nicht nur der Lämmersalat profitiert von der extensiven Nutzung. Auch andere Ackerwildkräuter und Brutvögel siedeln sich hier an. „Nun soll auch der Naturschutz vom Boom des Onlinehandels profitieren“, blickt Biedermann in die Zukunft.

Erschien zuerst im: querFELDein-Blog
Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V.
Ansprechpartner/in: Prof. Bettina Matzdorf
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