In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V.

Gemeinsam für den Artenschutz – vom Feld bis zur Ladentheke

Artenschutz Biodiversität Landwirtschaft Ökolandbau
Gemeinsam für den Artenschutz — vom Feld bis zur Ladentheke. Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © industrieblick | Fotolia
Gemeinsam für den Artenschutz — vom Feld bis zur Ladentheke. Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © industrieblick | Fotolia

Text: JANA SCHÜTZE

Rund 28.000 Tier- und Pflanzenarten gelten weltweit als gefährdet. Ein Problem, das uns zunehmend auch auf den heimischen Wiesen und Feldern begegnet. Denn wo der Mensch das Land intensiv bearbeitet, bleibt weniger Platz für Ackerwildkräuter, Feldvögel und Insekten. Wissenschaftler verbinden im Modellprojekt »Landwirtschaft für Artenvielfalt« jetzt die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirte mit dem Naturschutz und erhalten hierbei Unterstützung von einem der größten Lebensmittelhändler Deutschlands.

Sie sind die Jubelsänger des Frühlings, doch ihr Gesang ist immer seltener zu hören. In den letzten 30 Jahren ist der Bestand der Feldlerche dramatisch zurückgegangen, in manchen Regionen sogar um 90 Prozent. Seit 1980 haben sich die Gesamtbestände von Agrarvögeln in Europa halbiert, ein ähnlicher Trend ist auch bei anderen Artengruppen wie den Tagfaltern zu beobachten. Mit jeder ausgestorbenen Tier- oder Pflanzenart gehen nicht nur Gene, Farben, Formen und Geräusche unwiederbringlich verloren. Auch wichtige Ökosystemleistungen sind dadurch bedroht, wie die Bestäubung vieler Nahrungspflanzen durch Insekten, die klimaregulierende Funktion von Pflanzen oder auch die heilsame Wirkung einer durch natürliche Vielfalt geprägten Landschaft auf den Menschen.

In Deutschland sind inzwischen jede achte Vogelart, ungefähr 130 Ackerwildkrautarten, jede dritte Amphibie und die Hälfte der Insekten gefährdet. »Das Artensterben geht in beängstigendem Tempo voran«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. »Mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Das schafft Lebensräume für Tiere und Pflanzen, stellt gleichzeitig aber auch eine Gefährdung dar.« Ein Grund: Felder und Wiesen werden ausgerechnet dann bearbeitet, wenn sich Pflanzen und Tiere fortpflanzen. »Der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und mineralische Stickstoffdüngemittel im Ökolandbau ist schon eine gute Voraussetzung für den Naturschutz. Wenn wir das Artensterben aufhalten wollen, müssen wir aber noch mehr Bereiche in der landwirtschaftlichen Bearbeitung unter Naturschutzaspekten überprüfen, Bewirtschaftungsalternativen aufzeigen und diese auch bewertbar machen«, sagt Stein-Bachinger. Was bisher fehlt, ist ein geeigneter und anerkannter Maßstab für die Praxis. Hier setzt das Modellprojekt »Landwirtschaft für Artenvielfalt« an, das 2012 unter wissenschaftlicher Leitung des ZALF gemeinsam von der Umweltorganisation WWF Deutschland und dem ökologischen Anbauverband Biopark initiiert wurde. Bisher sind 100 Bauernhöfe aus ganz Deutschland aktiv dabei, die meisten von ihnen Mitglieder in Anbauverbänden wie Biopark, Bioland oder Demeter.

Braunkehlchen brüten erst spät im Jahr und sind daher besonders durch die Mahd im Grünland gefährdet. Durch Auslassen kleinflächiger Bereiche bei der Mahd während der Brutzeit, z. B. entlang von Zäunen lässt sich der Bruterfolg effektiv erhöhen. Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © mirkograul | Fotolia
Braunkehlchen brüten erst spät im Jahr und sind daher besonders durch die Mahd im Grünland gefährdet. Durch Auslassen kleinflächiger Bereiche bei der Mahd während der Brutzeit, z. B. entlang von Zäunen lässt sich der Bruterfolg effektiv erhöhen. Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © mirkograul | Fotolia

Ein Katalog von Naturschutzleistungen

Ein Team vom ZALF unter Leitung von Diplom-Biologe Frank Gottwald und Dr. Karin Stein-Bachinger untersucht seit mehreren Jahren, welche Auswirkungen bestimmte Naturschutzmaßnahmen auf wildlebende Tiere und Pflanzen sowie die Landwirtschaft haben. »Ornithologen haben immer wieder in Tarnzelten gesessen, um Feldvögel zu beobachten«, erzählt Gottwald. »Diese nisten gerne im Kleegras, das auf Biohöfen zur Futtergewinnung und Bodenverbesserung angebaut wird«, scheinbar gute Voraussetzungen für Feldvögel. Aber das Kleegras wird gemäht, wenn die Jungvögel noch nicht fliegen können – nur wenige überleben das. Acker-Lichtnelke und Acker-Schwarzkümmel sind heute nur noch selten auf den Feldern zu finden. Sie blühen erst im Sommer, wenn das Getreide schon reif ist. Ihr Problem: Die Äcker werden sofort nach der Ernte bearbeitet. Damit werden auch die Kräuter untergepflügt, bevor sie Früchte bilden können. Ihre Beobachtungen haben die Expertinnen und Experten ausgewertet und Vorschläge entwickelt, wie diese Konflikte gelöst werden können. »Wird das Kleegras später gemäht oder bleibt sogar ein Teilbereich stehen, werden die Nester der Feldvögel nicht zerstört. Das hilft auch Junghasen, Amphibien, Tagfaltern und Heuschrecken, die in der höheren Vegetation Nahrung und Deckung finden.« Mehr als 100 Naturschutzideen für Felder, Wiesen und Weiden, die Pflege der Landschaft und den Schutz einzelner Arten wurden so zusammengetragen. Speziell geschulte Naturschutzberaterinnen und -berater helfen den Bauernhöfen genau jene herauszufiltern, die für ihren Standort und ihre Betriebsabläufe sinnvoll sind.

„Landwirtschaft für Artenvielfalt“-Produkte werden mit diesem Logo in den Edeka-Märkten gekennzeichnet. © Landwirtschaft für Artenvielfalt
„Landwirtschaft für Artenvielfalt“-Produkte werden mit diesem Logo in den Edeka-Märkten gekennzeichnet. © Landwirtschaft für Artenvielfalt

Artenschutz geht uns alle an

»Naturschutz bedeutet für die Landwirtschaftsbetriebe in der Regel einen zusätzlichen Aufwand «, erklärt Stein-Bachinger. »Diese investieren nicht nur Zeit, sie nehmen auch Ertragseinbußen in Kauf. Um hierfür einen Ausgleich zu schaffen, bedarf es auch der Unterstützung des Lebensmittelhandels und der Verbraucherinnen und Verbraucher.« Den Betrieben zahlt das Handelsunternehmen EDEKA daher einen Aufpreis für bestimmte Produkte, quasi als Naturschutz-Bonus. Ein eigens entwickeltes Logo »Landwirtschaft für Artenvielfalt« kennzeichnet die Produkte.

Um diese Zertifizierung zu erreichen, müssen die Betriebe Naturschutzpunkte sammeln. Dazu haben die Forschenden am ZALF gemeinsam mit einem Team von 40 Expertinnen und Experten aus den Bereichen Naturschutz, Landwirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung jede Naturschutzmaßnahme mit Punkten bewertet. »Die Punktzahl richtet sich danach, wie effektiv die Maßnahme für den Schutz von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensräume ist. So gibt es für die spätere Bodenbearbeitung nach der Ernte bis zu einen Punkt pro Hektar, acht Wochen ohne Nutzung während der Brutzeit im Kleegras bringt drei Punkte pro Hektar, und wenn Teilflächen über Winter sogar stehengelassen werden, ist das gleich zehn Punkte wert.« Für das Naturschutzzertifikat muss der Betrieb eine Mindestpunktzahl pro Hektar erfüllen. Das System ermöglicht daher sowohl eine Bewertung sehr kleiner, aber auch sehr großer Betriebe. Mehr als 70 Ökobetriebe in Nordost- und Süddeutschland sind bereits zertifiziert.

Diese Naturschutzbewertung für Landwirtschaftsbetriebe ist deutschlandweit bisher einzigartig. Es wird kein klassischer Einzelarten- oder Einzelflächen-Naturschutz betrieben. »Mit den bisher beteiligten Betrieben können wir auf einer Gesamtfläche von über 43.000 Hektar erstmals großflächigen und umfassenden Naturschutz gemeinsam mit der Landwirtschaft realisieren«, sagt Stein-Bachinger. Nun sind die Kundinnen und Kunden gefragt. Mit dem Kauf der Produkte kann jeder einen Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt leisten. Über einen Tracking Code gelangt man auf die Website des Projektes www.landwirtschaft-artenvielfalt.de und kann sich dort informieren und erfahren, welche Leistungen die Betriebe für den Naturschutz erbringen. Bisher gibt es die Naturschutz-Produkte nur in den EDEKA-Nord-Märkten. »Unser Ziel ist es, dass die Zahl der beteiligten Betriebe auch in anderen Regionen Deutschlands wächst«, so Stein-Bachinger. Ein Ziel das realistisch erscheint: Schon jetzt gibt es über 50 neue Betriebe aus Süd- und Westdeutschland, die sich in dem Projekt engagieren wollen.

 

Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V.
Ansprechpartner/in: Dr. Karin Stein-Bachinger
Ist der Artenschutz für euch ein relevantes Kriterium beim Kauf eurer Lebensmittel? Was haltet ihr von diesem Ansatz?

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