In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.

Gemeinsam ackern

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Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © Morinka | Shutterstock
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Text: HEIKE KAMPE

Woher kommen unsere Lebensmittel? Diese Frage stellen sich angesichts von Lebensmittelskandalen, Umweltschäden und Klimawandel immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher. Einige von ihnen wenden sich auf der Suche nach einem Gegenentwurf zur Agrarindustrie neuen Modellen der Nahrungsmittelversorgung zu. Forschende des ZALF untersuchten diese Netzwerke, die auch ein Mittel gegen die zunehmende Entfremdung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft sein könnten.

Es ist Erntezeit. Der Bauer schneidet Salatköpfe und Spinat, zieht die Mohrrüben, pflückt die Tomaten und schneidet auch noch eine große Portion Petersilie. Seine Ware ist schon verkauft. Sie wird in Kisten verladen, abgeholt und an verschiedene Sammelpunkte verteilt. Am Abend werden seine Kundinnen und Kunden dort die gefüllten Kisten vorfinden und sich ihren Anteil nehmen. Wie hoch dieser ist und aus welchen Produkten er besteht, schwankt von Woche zu Woche und von Saison zu Saison. Der Preis allerdings bleibt in jeder Woche gleich. Der Bauer betreibt ein Geschäftsmodell, das in der Landwirtschaft eine Nische ist, die aber immer mehr Anhänger findet. Es nennt sich »Solidarische Landwirtschaft«, kurz »SoLaWi«. Seine Kundschaft kennt der Bauer persönlich, denn jedes Mitglied dieser festen Gemeinschaft hilft regelmäßig auf dem Hof.
Einkaufskooperativen, Selbsterntegärten, Tierpatenschaften oder eben »SoLaWi« – in den vergangenen Jahrzehnten entstand ein buntes Sammelsurium an alternativen Netzwerken, deren Akteure neue Wege der Nahrungsmittelversorgung beschreiten. Regional statt global, Nachhaltigkeit statt kurzen Profits, teilen statt besitzen, von Mensch zu Mensch statt anonym – so lassen sich die Motive, die hinter der Entwicklung stehen, zusammenfassen. Eine Entwicklung, die zunehmend auch in den Fokus der Wissenschaft rückt.

Gesunde Nahrungsmittel und Gemeinschaft

Die Geografin Alexandra Doernberg und der Agrarwissenschaftler Felix Zoll vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandscha­ftsforschung (ZALF) e. V. interessieren sich vor allem für die neuen Interaktionsformen, die dabei zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern und den Betrieben entstehen. Im vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt Future Food Commons (FuFoCo) untersuchten sie, welche Vorteile, Nachteile und Chancen für beide Seiten daraus entstehen, wie sich das auf den persönlichen Konsum der Teilnehmenden auswirkt, ob die neuen Formen das Potenzial besitzen, einen größeren Teil der Bevölkerung zu versorgen und vor allem, was die alternativen  Formen für die wirtscha­ftliche Stabilität der beteiligten Betriebe bedeuten.

In Interviews befragte das Forschungsteam des Projekts sowohl die produzierende als auch die verbrauchende Seite ausgewählter Netzwerke in den Metropolregionen München, Berlin und Hamburg. Der Zugang zu gesunden und frischen Nahrungsmitteln, kurze Lieferketten, das Erleben von Gemeinschaft­ oder die bewusste Unterstützung kleinbäuerlicher Landwirtschaft­ waren für die befragten Konsumentinnen und Konsumenten gute Gründe, zumindest einen Teil ihrer Nahrungsmittel nicht mehr im Supermarkt, sondern direkt vom Anbaubetrieb zu kaufen.

»Die Frage, woher Lebensmittel kommen und wie sie produziert werden, wird für viele Menschen immer wichtiger«, erklärt Felix Zoll. Für viele Verbraucherinnen und Verbraucher seien deshalb Konzepte interessant, bei denen sie genau wissen, woher ihre Nahrungsmittel stammen. Der persönliche Kontakt zu den Landwirtinnen und Landwirten ist dabei ausschlaggebend und schafft Vertrauen. Besonders eng ist dieser Kontakt bei der »SoLaWi«, die nach den Prinzipien einer genossenschaftlichen Organisation funktioniert und als »Flaggschiff« der Bewegung gilt.

Bei diesem Modell erhält der Betrieb Planungssicherheit – durch die festen Beitragszahlungen weiß er am Beginn des Jahres genau, wie hoch das Einkommen sein wird , und zwar unabhängig von der Höhe der Ernte und von Ertragsausfällen durch Dürren oder Krankheiten. Die Abnahme der Produkte ist garantiert – sofern genügend Mitglieder den Betrieb mit ihren Beiträgen unterstützen. Gerade für kleine Bauernhöfe und Gärtnereien, die auf den globalisierten Märkten hart um ihr Überleben kämpfen, sei dies eine enorme Chance, betonen die Forschenden.

Herkömmliche Wochenmärkte sind für alternative Nahrungsmittelnetzwerke weiterhin hochinteressant. Auch hier kommt es zu direkter Interaktion zwischen den Betrieben und Verbraucherinnen und Verbrauchern. Viele der angebotenen Lebensmittel haben kurze Lieferwege und gleichzeitig können neue Mitglieder gewonnen werden. Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © Kamisoka | istock
Herkömmliche Wochenmärkte sind für alternative Nahrungsmittelnetzwerke weiterhin hochinteressant. Auch hier kommt es zu direkter Interaktion zwischen den Betrieben und Verbraucherinnen und Verbrauchern. Viele der angebotenen Lebensmittel haben kurze Lieferwege und gleichzeitig können neue Mitglieder gewonnen werden. Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © Kamisoka | istock

Die langfristige Bindung garantiert den Erfolg

Für den Erfolg der neuen Modelle müssen aber sowohl Betriebe als auch Verbraucherinnen und Verbraucher einige Voraussetzungen erfüllen. »Die Betriebe müssen Transparenz zeigen, sich gut strukturieren, organisieren und kommunizieren können«, fasst Alexandra Doernberg ihre Ergebnisse zusammen. Schließlich kommen regelmäßig Gäste auf den Hof, um zu schauen, wie ihre Lebensmittel angebaut werden. Die Gruppen werden in Arbeitseinsätzen auch selbst aktiv und müssen entsprechend angeleitet werden. Eine große Portion Offenheit und Geduld ist hier von den Produzentinnen und Produzenten gefragt. Zumal die Untersuchungen zeigen, dass gerade jene Betriebe als besonders erfolgreich und ökonomisch stabil gelten, die ihre Kundscha­ft langfristig binden können.

Auf der Verbraucherseite ist die enge Bindung an den Hof des Vertrauens ebenfalls mit einem zusätzlichen Aufwand verbunden. Die Mitglieder müssen sich auf Arbeitseinsätze einstellen und darauf einlassen, dass der saisonale Rhythmus sowie Lieferzeiten bestimmen, was auf ihren Tellern landet. Nicht zuletzt wollen die gelieferten Nahrungsmittel auch verarbeitet werden – je nach Erntemenge ist dazu hin und wieder eine zusätzliche Schicht in der Küche notwendig.

Bisher ist die Anzahl der »SoLaWis« und verwandter Konzepte vor allem ein Phänomen in und um Metropolregionen – ihre Anzahl ist noch überschaubar. Dennoch boomt die Bewegung mancherorts: »Für viele Gruppen gibt es Wartelisten«, sagt Alexandra Doernberg. Ob in Zukunft immer mehr, vor allem kleinere landwirtschaftliche Betriebe die neuen Modelle für sich erschließen, bleibt jedoch offen. Dort, wo sich die Modelle erfolgreich etabliert haben, zeige sich aber eines besonders deutlich: »Die Arbeit der Landwirtinnen und Landwirte wird hier besonders wertgeschätzt«, sagt Doernberg. So bleibt das Thema in der Forschungslandschaft weiter hochaktuell. Allein das ZALF wird sich in zwei Nachfolgeprojekten über die nächsten Jahre eingehend mit alternativen Nahrungsmittelnetzwerken beschäftigen.

Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Ansprechpartner/in: Alexandra Doernberg, Felix Zoll
Habt Ihr schon Erfahrungen mit der Solidarischen Landwirtschaft gemacht? Wie seht Ihr die Chancen, dass sich »SoLaWi« durchsetzt?

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