In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Biodiversität Landnutzung Nachhaltigkeit Naturschutz Ökosystemleistungen
Die Politik in Vietnam honoriert Menschen mit Zahlungen für den Schutz des Regenwaldes. Doch das Geld ist knapp und muss effizient eingesetzt werden. Wir untersuchen, wie das Gerechtigkeitsempfinden die Wirksamkeit dieser Zahlungen beeinflusst. © Hong Phuc | Shutterstock

Text: HEIKE KAMPE

Intakte Ökosysteme sind wertvoll – nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Der Wert der von ihnen kostenlos bereitge­stellten Leistungen, wie sauberes Wasser, fruchtbarer Boden oder Speicherung von Kohlenstoff, dringt zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Erste Bezahlmodelle entlohnen jene, die Ökosystem­leistungen bewahren. Der ZALF-­Forscher Lasse Loft untersucht, welche Rolle das Gerechtigkeitsempfinden für die Wirksamkeit dieser Instrumente spielt.

Es gehört zu den seltensten Huftieren der Welt und wurde erst 1992 entdeckt: Das Saola ist in den Regenwäldern von Vietnam und Laos zuhause und führt hier ein heimliches, verstecktes Leben. Die Antilope mit dem dunkelbraunen Fell und den weißen Flecken im Gesicht ist vom Aussterben bedroht. Illegale Rodungen und Wilderei gefährden das Überleben der Art, von der es geschätzt nur ein paar Hundert Tiere gibt.

Auch Dr. Lasse Loft hat selbst noch nie ein Saola zu Gesicht bekommen, obwohl er in den vergangenen Jahren häufig in den Wäldern Vietnams unterwegs war. Er weiß, wie wichtig die Ökosysteme für das Saola und viele weitere Arten sind. Doch intakte Wälder bieten weitaus mehr als nur den Erhalt der Biodiversität. Sie reinigen etwa Wasser und speichern Kohlenstoff, liefern Rohstoffe für Medikamente und die Bauwirtschaft. In der Forschung werden diese Leistungen als Ökosystemleistungen bezeichnet. Ihr Wert für die Menschheit wird zunehmend erkannt – und ihr Erhalt in Vietnam seit einigen Jahren auch honoriert.

Es kam einer Sensation gleich, als Ende des 20. Jahrhun­derts mit dem Saola eine zuvor gänzlich unbekannte große Säugetierart entdeckt wurde. Das Saola lebt in den undurch­dringlichen Regenwaldgebieten von Vietnam und Laos.
Es kam einer Sensation gleich, als Ende des 20. Jahrhun­derts mit dem Saola eine zuvor gänzlich unbekannte große Säugetierart entdeckt wurde. Das Saola lebt in den undurch­dringlichen Regenwaldgebieten von Vietnam und Laos. © David Hulse | WWF

Vietnam stellt auf nachhaltige Forstwirtschaft um

Die Regierung hat Nutzungsrechte für die Wälder an verschiedene Bevölkerungsgruppen vergeben. Dabei dürfen die Menschen, die überwiegend aus der Landbevölkerung kommen, nur bestimmte Ressourcen des Waldes nutzen und sind gleichzeitig dazu verpflichtet, gegen Wilderer und illegale Holzfäller vorzugehen. Die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner suchen Kräuter und beernten Rattanpalmen, patrouillieren durch den Wald, bekämpfen Brände und sammeln verbotene Schlingfallen ein. »Sie passen auf den Wald auf«, fasst Loft zusammen. Dafür erhalten sie etwas Geld – auch, da ihnen durch die waldschonende Nutzung Einkommen entgeht. Rund 3,5 Millionen Hektar Wald werden auf diese Weise geschützt. Das entspricht etwa 25 Prozent der gesamten Waldfläche des Landes.

»Nach Jahrzehnten intensiver Rodungen, gefolgt von einem massiven Jagddruck, stellt Vietnam langsam auf eine nachhaltige Form der Forstwirtschaft um«, erklärt Lasse Loft. Die Zahlungen für den Erhalt der Waldgebiete sind ein wichtiger Pfeiler dieses Wechsels. In zwei vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. finanzierten Studien untersuchten Loft und sein Team nun, wie das dafür bereitgestellte Geld am besten eingesetzt werden kann. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht das Verhalten derjenigen, die für den Erhalt der Wälder sorgen und dafür Zahlungen erhalten.

Das Team um Lasse Loft vor dem Versammlungshaus des Dorfes Cha Mang: Gebäude dieser bauart sind in vielen Dörfern Vietnams vorzufinden und waren nicht selten Austragungsort der Experimente.
Das Team um Lasse Loft vor dem Versammlungshaus des Dorfes Cha Mang: Gebäude dieser bauart sind in vielen Dörfern Vietnams vorzufinden und waren nicht selten Austragungsort der Experimente. © Manuel Asbach | ZALF

Mit einem Team aus deutschen, schwedischen und vietnamesischen Forscherinnen und Forschern und unterstützt vom Center for International Forestry Research besuchte Dr. Lasse Loft die Dörfer, in denen jene Menschen leben, die Nutzungsrechte für die umliegenden Wälder besitzen und ließ sie an verhaltensökonomischen Studien teilnehmen. Der Hintergrund ist ein schon seit langem bekanntes Problem: Kompensationszahlungen für Umweltleistungen sind selten gerecht. Loft erklärt: »Das Budget ist begrenzt und muss mit dem größten Nutzen für die Umwelt verteilt werden. Also wird oft in große Flächen investiert, die in einer Hand liegen. Dadurch werden jedoch Besitzerinnen und Besitzer kleinerer Flächen benachteiligt und existierende Ungleichgewichte im Wohlstand verfestigt. Oder die Zahlungen gehen in Gebiete, die besonders gefährdet sind, was Menschen benachteiligen kann, die schon seit langem erfolgreich ihre Umwelt schützen.«

Auch in Vietnam gibt es Probleme: Die Zahlungen richten sich nach der Größe sowie der Qualität der Waldgebiete. Doch welche Waldflächen den Dörfern zugeteilt werden, liegt nicht in ihrer Hand. »Da ein großer bzw. ein hochwertiger, artenreicher Wald nicht proportional mehr Arbeitsaufwand erfordert als Waldflächen mit einem weniger wertvollen Artenbestand, ist Unmut vorprogrammiert«, so Loft. Mit seinem Team geht er nun der Frage nach, ob durch dieses Ungerechtigkeitsempfinden die Zahlungen wieder an Effizienz verlieren.

Bessere Leistung mit gerechter Bezahlung

In den oft schwer zu erreichenden Dörfern bezahlte das Forschungsteam die Dorfbevölkerung in einer Studie für das Befüllen von Anzuchttüten für Baumsetzlinge, die zur Aufforstung benötigt werden. »Dabei haben wir versucht, die Kriterien zur Verteilung der Waldflächen widerzuspiegeln«, erklärt Loft. In einigen Gruppen erhielten die Menschen alle gleich viel Geld – unabhängig vom Ergebnis ihrer Arbeit. In anderen wurden sie nach Leistung bezahlt. Es gab Gruppen, die bevorteilt wurden und zusätzliche Anzuchtbehälter erhielten, um die unterschiedliche Bezahlung je nach Waldgüte nachzustellen. In einem Teil der Versuche erhielten die Teilnehmenden per Losverfahren unterschiedlich viel für die gleiche Leistung – einmal wussten sie davon, ein anderes Mal war die Bezahlung geheim. Anschließend wurde ermittelt, welche Form der Bezahlung vom Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner als fairstes Modell angesehen wurde.

Die Ergebnisse der zwei Studien mit insgesamt ca. 700 Menschen zeigen, dass diejenigen, die sich fair bezahlt fühlten, auch eine höhere Leistung erbrachten. Die Höhe der Bezahlung an sich spielte dabei eine untergeordnete Rolle. In einheitlich bezahlten Gruppen blieb die Leistung ähnlich hoch – egal, ob alle viel oder alle wenig Geld erhielten. Mit den herkömmlichen Methoden, Ausgleichszahlungen zu verteilen, scheinen die Geldmittel nicht so effektiv investiert wie gedacht.

 

Bezahlungen für Ökosystemleistungen gewinnen an Bedeutung

Künftig können die Erkenntnisse des Teams aber dabei helfen, den Aspekt der Gerechtigkeit stärker in den Fokus von umweltökonomischen Instrumenten zu rücken und die Formel, auf der die Verteilung der Gelder basiert, anzupassen. »Es ist viel Dynamik in diesem Prozess«, erklärt Loft, zumal die Bezahlung von Ökosystemleistungen stark an Bedeutung gewinnen werde – auch in Deutschland und Europa.

Dass das Instrument wirkt, zeigt das Beispiel Vietnam. »Die Waldökosysteme erholen sich, die Waldfläche nimmt wieder zu. Dennoch sind sie durch intensive Nutzung immer noch stark geschädigt«, sagt Loft, der im kommenden Jahr erneut in das asiatische Land reisen wird. Diesmal steht die Artenvielfalt im Fokus seines Projekts, an dem er gemeinsam mit dem WWF arbeiten wird. Die Forschungsgruppe will untersuchen, ob alternative landwirtschaftliche Einkommensquellen den Jagddruck in den Wäldern reduzieren können. Davon würde auch das scheue Saola profitieren.

Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Ansprechpartner/in: Dr. Lasse Loft

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