In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
22.11.2019

Der Acker als Amphibien-Theater

Biodiversität Gewässer ländliche Räume Landwirtschaft Pestizide Pflanzenschutz Tierwohl
© Gert Berger | ZALF

Text: Heike Kampe

Zwei Jahre lang beobachteten Forschende des ZALF Amphibien in einem Lebensraum, in dem man sie zunächst nicht vermutet: auf dem Acker. Die Ergebnisse zeigen, dass auch intensiv genutzte Agrarlandschaften wichtige Lebensräume für die Tiere sind. Doch je intensiver auf den Feldern gearbeitet wird, desto häufiger kommen sich Landwirtschaft und Natur dabei ins Gehege. Der zunehmende Einsatz von Glyphosat scheint die Situation zu verschärfen. Doch das ZALF-Team zeigt auf, dass es Möglichkeiten gibt, die Amphibien besser zu schützen.

Es sind vor allem die Rotbauchunken und Kammmolche, die es Dr. Gert Berger und seinem Team angetan haben. Auf dem Bauch tragen diese beiden streng geschützten Arten ein auffälliges Muster. Die Rotbauchunke schmückt sich mit leuchtend orange-roten Flecken, der Kammmolch mit gelben. Für den Forscher ist aber besonders faszinierend, dass dieses Muster bei jedem Tier anders ist. Unke und Molch tragen ihren individuellen Fingerabdruck auf dem Bauch. Für Bergers Forschungen ist das von Vorteil. Er beobachtete die Wanderungen der Tiere in einer umfangreichen Feldstudie und konnte über Fotografien der Bauchmuster sogar die Routen einzelner Individuen verfolgen.

Zwei Jahre lang war Gert Berger mit seinem Team auf ausgewählten Äckern rund um das Forschungszentrum im Brandenburgischen Müncheberg unterwegs und suchte nach Unken und Molchen, Fröschen und Kröten. Die Laichgewässer der Tiere sind häufig von Ackerflächen umgeben. »26 Prozent aller Kleingewässer Brandenburgs liegen mitten im Acker, weitere 27 Prozent unmittelbar an der Grenze«, sagt der Forscher. Auf ihren Wegen zwischen ihren Sommerlebensräumen im Wasser und den Winterquartieren an Land müssen die Amphibien die Felder durchqueren. Berger wollte genau wissen, wann und wo sie dies tun und wie ihre Wanderungen mit den Phasen der Feldbewirtschaftung zusammenfallen.

»Wir haben uns da in ein Abenteuer begeben, dessen Dimensionen wir etwas unterschätzt hatten«, erinnert der Forscher sich. »Es gibt meines Wissens weltweit keine vergleichbare Studie.« Denn das Forschungsteam untersuchte in dem vom Umweltbundesamt geförderten Projekt nicht nur die Amphibienaktivität zeitlich und räumlich hochaufgelöst, sondern ermittelte gleichzeitig, wie und wann die Äcker bewirtschaftet wurden. Beides brachten die Forscher schließlich zusammen.

26 Prozent aller Kleingewässer Brandenburgs liegen mitten im Acker, weitere 27 Prozent unmittelbar an der Grenze. © Gert Berger | ZALF
26 Prozent aller Kleingewässer Brandenburgs liegen mitten im Acker, weitere 27 Prozent unmittelbar an der Grenze. © Gert Berger | ZALF

Der Glyphosatverbrauch ist massiv gestiegen

Gert Berger hatte dabei auch das Herbizid Glyphosat im Blick. Sind die Tiere dem Mittel häufiger ausgesetzt als früher, weil sich die Landbewirtschaftung geändert hat? »Wir sind keine Toxikologen«, betont der Agrarforscher. »Es ging uns nicht um die Auswirkung von Glyphosat auf die Tiere, sondern wie oft diese mit dem Herbizid aufeinandertreffen.«

Tatsächlich hat sich die Anwendung von Glyphosat grundlegend geändert. Das Mittel wird zunehmend nicht nur für Pflanzenschutzmaßnahmen eingesetzt. Mit dem sogenannten Totalherbizid können die Landwirtinnen und Landwirte im Frühjahr ihre Felder für die Saat vorbereiten, ohne pflügen zu müssen. Es beseitigt unerwünschte Ackerkräuter. Auch im Herbst werden die abgeernteten Felder gern behandelt, um auskeimende Saat zu vernichten. Das spart Kosten, Zeit und vereinfacht den Anbau. Doch der Verbrauch von Glyphosat stieg damit rasant an. Heute bringt die Landwirtschaft etwa sechsmal so viel wie vor 25 Jahren auf die Felder.

Der Kammermolch.
Der Kammermolch wandert bis zu zwei Kilometer zwischen Laichgewässern und Winterquartieren. Dieses Bild ist nur für die Verwendung auf www.quer-feld-ein.blog lizensiert und darf nicht vervielfältigt werden. © kikkerdick | istock

Die Forschenden um Berger verwandelten 800 Hektar Ackerfläche in ein großes Forschungslabor, um die Folgen dieser Entwicklung zu untersuchen. Kreuzförmige Fangzäune verteilten sie gleichmäßig auf und neben dem Feld. Die Winterquartiere der Amphibien – Hecken, Steinhaufen oder Laubhaufen – wurden teilweise komplett eingezäunt, um die gesamte wandernde Population zu erfassen. Ebenso ausgewählte Laichgewässer. Insgesamt stellte das Team mehr als drei Kilometer Zaun auf. Gleichzeitig dokumentierte der Landwirt genau, was er anpflanzte, wann er düngte, pflügte, säte oder Pestizide ausbrachte.

Bis zu zwei Mal täglich sichteten die Forscher ihre Fänge, säuberten die Eimer, füllten Wasser für die Schwämme darin nach. Auf der anderen Seite des Zauns ließen sie die Tiere wieder frei. Schließlich sollten diese ihre von der Wissenschaft beobachtete Wanderung ungestört fortsetzen.

Unkrautbekämpfungsmittel auf Böden
Die Wahrscheinlichkeit, dass Amphibien bei ihrer Wanderung auf Unkrautbekämpfungsmittel treffen ist besonders hoch, wenn diese auf schwach bewachsende Böden ausgebracht werden. © Gert Berger | ZALF

Acker als artenreicher Lebensraum

Nach zwei Jahren Datenerhebung entstand schließlich ein detailliertes Bild darüber, welche Arten von Amphibien den Acker durchquerten, in welchen Strukturen sie sich besonders gern und häufig aufhielten, zu welchen Jahreszeiten sie unterwegs waren und was dann gerade auf dem Acker geschah. Und vor allem, wann Tiere und Glyphosat zeitgleich aufeinandertrafen.

Elf Arten von Amphibien fanden die Forschenden auf dem Brandenburger Feld. Eine beachtliche Zahl, denn in ganz Deutschland sind nur 21 Arten heimisch, in ganz Brandenburg nur 15. Sie beobachteten Kammmolche, die bis zu zwei Kilometer zum Winterquartier wanderten, seltene Laubfrösche und gefährdete Knoblauchkröten, die sich vor allem in den sandigen Bereichen wohlfühlten. Je nach Art zählten sie hunderte bis tausende Exemplare. Die Ergebnisse zeigten, dass der Lebensraum Acker für die Lurche durchaus attraktiv sein kann. Etwa dann, wenn kräftiges Rapslaub im Sommer Schutz vor Sonne und Räubern bietet und es am Boden schön feucht, dunkel und nahrungsreich ist.

Doch die Analyse zeigte auch, dass die Wahrscheinlichkeit eines Kontakts zwischen Glyphosat und Amphibien zwischen 1992 und 2012 durchschnittlich um das Vierfache angestiegen ist. Was genau das für die Tiere bedeutet, ist noch unklar. Während einige Glyphosat-Studien aufzeigten, dass Amphibien nach Kontakt mit dem Mittel sterben oder erkranken, können andere keine Effekte nachweisen. 2016 wurde die nachweislich für Amphibien toxische Substanz Tallowamin aus der Rezeptur der Glyphosat-Spritzmittel entfernt.

Wanderkorridore können schützen

Klar ist zumindest, dass tiefes Pflügen etwa 95 Prozent aller Frösche, Kröten und Molche tötet, die zu diesem Zeitpunkt auf dem Feld sind. »Sie werden auf den Rücken geworfen und tief eingegraben«, beschreibt Berger. »Das war es dann, da kommen sie nicht mehr raus.« Mit Glyphosat kann das Pflügen zwar vermieden werden, aber die Folgen der gestiegenen Herbizideinsätze für die Amphibien sind noch nicht absehbar.

Berger plädiert dafür, mit Augenmaß zu wirtschaften. Statt des Pflugs könnte etwa ein Schwergrubber eingesetzt werden, der weniger Schaden unter den Tieren anrichtet. Der Glyphosateinsatz sollte vor allem dann vermieden werden, wenn das Feld mehr oder weniger kahl ist und die Amphibien nicht durch Pflanzen vor dem direkten Kontakt geschützt sind. Geschützte Wanderkorridore mit stark eingeschränkter Bewirtschaftung zwischen Laichgewässern und Winterquartieren zu schaffen, wäre eine weitere sehr effektive Maßnahme, die noch einen Schritt weiterginge. Berger weiß jedoch, dass die Landwirte abwägen müssen und manchmal wenig Spielraum haben. Schließlich geht es auch um ihren Lebensunterhalt. »Es braucht Fingerspitzengefühl, ökologisches Basiswissen und es ist immer eine Einzelfallentscheidung«, betont er.

Institution: Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V.
Ansprechpartner/in: Dr. Gert Berger

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