In Zusammenarbeit mit: Leibniz-Gemeinschaft
23.07.2020

Bedrohte Vielfalt

Artenschutz Artenvielfalt Biodiversität Landwirtschaft
Die Wiesen-Kuhschelle ist an stickstoffarme Standorte angepasst und deshalb durch vermehrte Düngung gefährdet. In den meisten Bundesländern Deutschlands steht sie auf den Roten Listen und ist nach der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) besonders geschützt. © Stefan.lefnaer | Wikipedia (CC BY-SA 4.0)

Moderation: JAKOB VICARI

 

Ob Vögel, Insekten oder Wildkräuter — die Biodiversität schrumpft, auch in Deutschland. Drei Leibniz-Forscher diskutieren den Beitrag der Landwirtschaft am Artensterben: Die Ornithologin Katrin Böhning-Gaese erforscht den Einfluss von Klima und Landnutzungswandel auf Lebensgemeinschaften von Tieren: “Eine andere Landwirtschaft könnte den Trend umdrehen!”. Der Agrarwissenschaftler Frank Ewert untersucht die Effekte des Klimawandels auf die Landwirtschaft und die globale Ernährungssicherheit: “Die Schuld liegt nicht nur bei den Landwirten”. Wolfgang Wägele entwickelt Methoden zur schnellen Identifikation von Arten und ist Spezialist für Tausendfüßler und Asseln: “Wenn wir so weitermachen, bleibt nichts übrig”.

In den Lagerräumen, Vitrinen und Schubladen, die Wolfgang Wägele seinen Gästen zeigt, hat eine erstaunliche Vielfalt überdauert. Seit 107 Jahren bewahrt das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in ihnen präparierte Böcke, Fasane und Skorpione auf. Ein riesiges Archiv der Arten. Heute schrumpft die Biodiversität, auch in Deutschland. Ob Vögel, Insekten oder Wildkräuter — sie werden weniger. Das liegt auch an der Landwirtschaft, sagen manche. Welche Schuld trägt sie mit ihren Insektiziden, Düngern und Erntemaschinen? Wägele, der das Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere leitet, hat die Ornithologin Katrin Böhning-Gaese und den Agrarwissenschaftler Frank Ewert eingeladen. Die drei Leibniz-Forscher diskutieren an einem geschichtsträchtigen Ort.

LEIBNIZ: Herr Wägele, vor 70 Jahren entwarf der Parlamentarische Rat im Lichthof Ihres Museums das Grundgesetz. Aber es dauerte 45 Jahre, bis Umwelt- und Naturschutz darin aufgenommen wurden. Wie konnten die Mütter und Väter des Gesetzestextes so unbeeindruckt von diesem Ort der biologischen Vielfalt bleiben?

WOLFGANG WÄGELE: Es gab damals kein Bewusstsein für Biodiversität, andere Dinge waren wichtiger. Die Menschen brauchten Essen, die Städte waren zerbombt. Man wollte die richtigen Lehren aus der Vergangenheit ziehen, deshalb ist es ja so gut geworden, das Grundgesetz. Hinzu kommt, dass es bei uns in Deutschland keine naturalistische Tradition gibt wie etwa in England. Dort gründen sich seit jeher die bizarrsten Vereine, ich bekomme zum Beispiel den Newsletter des britischen Assel- und Tausendfüßler-Clubs. Das sind Leute, die die Asselvielfalt im eigenen Garten ergründen.

KATRIN BÖHNING-GAESE: Noch die Umweltbewegung der 1970er Jahre hat sich fast ausschließlich auf die Umweltverschmutzung konzentriert. Es ging ihr um saubere Flüsse und um saubere Luft. Heute ist unser Blick weiter.

Wie kommt das?

BÖHNING-GAESE: Unser Bewusstsein für Artenvielfalt ist größer. Zuletzt hat die »Krefelder Studie« die Menschen berührt. Der Entomologische Verein Krefeld hat die Masse der Insekten über Jahrzehnte hinweg dokumentiert und konnte eine dramatische Entwicklung zeigen: Um 76 Prozent ist sie zurückgegangen, in nur 27 Jahren. Es ist ein richtiges Insektensterben.

 

Hat es Sie überrascht, dass Hobbyforscher das Ausmaß dieses Sterbens aufzeigten?

BÖHNING-GAESE: Es ist eine Stärke der Bürgerwissenschaft, eine solche Datenreihe zu erheben, über fast 30 Jahre am Stück. Eine klassische wissenschaftliche Institution kann das nicht leisten. Um die Daten statistisch sauber auszuwerten, haben die Krefelder sich aber die Hilfe professioneller Wissenschaftler geholt. Wenn ich die Studie durchsehe, muss ich sagen: Besser kann man es nicht machen.

FRANK EWERT: Ich stimme Ihnen zu. Die Studie schafft einen entscheidenden weiteren Schritt: Sie untersucht nicht nur landwirtschaftliche Flächen, sondern auch solche, die nicht intensiv landwirtschaftlich genutzt werden. Sogar Schutzgebiete sind betroffen.

Aber das Artensterben an sich ist doch kein neues Phänomen.

WÄGELE: Wir sehen schon lange starke Indizien dafür, dass einzelne Arten in Schieflage geraten, die Schmetterlinge beispielsweise. Aber jetzt sehen wir zum ersten Mal in aller Klarheit: Das Insektensterben ist ein Phänomen, das ganz breit im Ökosystem wirkt.

BÖHNING-GAESE: Das vielzitierte Bild von der Windschutzscheibe verdeutlicht das Ausmaß. Nach der Fahrt über die Autobahn ist sie nicht mehr von Insekten verklebt — weil es die kaum noch gibt.

EWERT: Bei den Brutvögeln ist es ähnlich. Die Zahl der Brutpaare ist in Europa zwischen 1980 und 2000 um 52 Prozent zurückgegangen. Das macht sich bemerkbar: Rebhuhn, Feldlerche, Star und Sperling waren früher Allerweltsarten. Heute sind sie in ihren ursprünglichen Lebensräumen kaum noch anzutreffen.

BÖHNING-GAESE: Die gute Nachricht ist, dass der Schwund nicht überall stattfindet. Für insektenfressende Vögel konnten wir nachweisen, dass er sich auf Agrarlandschaften beschränkt. In Wäldern ist der Bestand stabil, dort wo keine Insektizide versprüht werden. Das lässt mich hoffen, dass eine andere Landwirtschaft den Trend umdrehen kann.

Die
Die "Echte Arnika" war früher in den Feuchtheiden und feuchten Magerrasen verbreitet; Entwässerung, Umbruch, Beackerung, Düngerzufuhr sowie intensive Großfelderwirtschaft hat dazu geführt, dass die Art in Brandenburg sehr stark zurückgegangen und weiterhin gefährdet ist. © Christioan Peters | Pixabay

Wie könnte sie aussehen?

WÄGELE: Nehmen Sie das Gebiet um das brandenburgische Brodowin, wo ökologischer Landbau die großen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften aus DDR-Zeiten ersetzt hat. Die Vögel erholen sich dort gegen den Trend. Zugleich wird in Brodowin ökonomisch erfolgreich gewirtschaftet.

EWERT: Ihr Beispiel hat aber nur begrenzt Aussagekraft, denn wissenschaftlich fundierte Zusammenhänge zwischen Betriebsgröße und Artenvielfalt liegen bisher kaum vor. Zudem können auch konventionell wirtschaftende Betriebe Maßnahmen ergreifen, die der Artenvielfalt dienlich sind. Die Bioproduktion dagegen ist noch ein Nischenbereich für Menschen, die es sich leisten können. Man kann sie nicht einfach auf ein ganzes Land ausweiten.

WÄGELE: Man müsste dann auch die Hartz IV-Sätze erhöhen.

EWERT: Es bedarf Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Auch die Verbraucher sind in der Pflicht. Würden wir uns anders ernähren, hätte das einen großen Effekt auf die Artenvielfalt.

Herr Ewert, Sie kommen gerade von der Grünen Woche in Berlin. Ist Artenvielfalt unter Landwirten ein Thema?

EWERT: Wegen der Dürre im vergangenen Jahr interessieren sie sich derzeit vor allem für den Klimawandel. Was wächst künftig besser oder schlechter auf unseren Feldern, wie können wir uns anpassen? Aber auch das Insektensterben war auf der Messe präsent. Das Bewusstsein, dass die Landwirtschaft der Zukunft nachhaltig sein muss, ist da. Die offene Frage bleibt, wie das umzusetzen ist.

WÄGELE: Es fehlt eine Instanz, die das System als Ganzes analysiert. Das beginnt mit Beschlüssen in Brüssel, nehmen Sie die Freigabe der Milchpreise: Jede Menge Kleinbauern mussten in der Folge aufgeben. Ihr Land wird heute meist von Großbetrieben bewirtschaftet, dadurch verschwinden Hecken, Wegränder, feuchte Gräben, also Biotope für Vögel, Insekten und Wildpflanzen.

Die Landwirtschaft verändert Lebensräume?

BÖHNING-GAESE: Wenn ich draußen auf den Feldern bin, sehe ich große monotone Flächen mit kleinen Pflänzchen, flächendeckend mit Glyphosat behandelt. Da ist keine Struktur mehr. Die Wiesenwege, die auf den Karten noch eingezeichnet sind, fehlen — man hat sie längst untergepflügt. Kürzlich war ich an der Nidda, einem Flüsschen in Hessen. Da stand eine lange Reihe von Graureihern im Acker, immer im Abstand von 100 Metern. Als ich näher kam, habe ich gesehen, warum: Sie standen auf dem einzigen verbliebenen Weg. Nur dort konnten sie noch Mäuse finden.

EWERT: Der umfangreiche Einsatz vieler Pestizide schädigt die Umwelt, aber ganz ohne Pflanzenschutzmittel wird es kurzfristig nicht gehen. Wir müssen deshalb nicht nur den Einsatz dieser Mittel reduzieren, sondern auch in Maßnahmen investieren, die nützliche Insekten wie Marienkäfer und Wildbienen schützen. Auch in der Züchtung sehe ich Potenziale: Wir müssen Ackerkulturen resistenter gegen Krankheiten und Schädlinge machen, um auf chemische Mittel verzichten zu können.

WÄGELE: Ich bin deutlich für ein Verbot jener Substanzen, über deren Schadwirkung wir nichts wissen. Wie wirken sie sich etwa auf Arten außerhalb der landwirtschaftlichen Flächen aus? Schon im Zulassungsverfahren müssen diese Effekte berücksichtigt werden.

EWERT: Was mir noch sehr wichtig ist: Die Schuld an den Zuständen auf unseren Feldern liegt nicht nur bei den Landwirten, auch wenn die Gesellschaft sie gerne in diese Ecke stellt. Auch Landwirte haben eine Familie zu ernähren, sie müssen ihren Betrieb am Leben halten, sind auf sichere Erträge angewiesen…

BÖHNING-GAESE: … und wir Verbraucher auf die Nahrungsmittel. Mir ist bewusst, dass wir nicht einfach wieder Hecken pflanzen und Insektizide verbieten können.

EWERT: Viel problematischer finde ich das Vorgehen der Investmentfirmen, die riesige Ländereien aufkaufen und rein profitorientiert bewirtschaften. Ein Ackerfeldrand stört dabei eher.

Das Braunkehlchen gilt unter anderem in Brandenburg als stark gefährdet (Stand 2016). © Kathy Büscher | Pixabay
Das Braunkehlchen gilt unter anderem in Brandenburg als stark gefährdet (Stand 2016). © Kathy Büscher | Pixabay

Welche Bedingungen begünstigen Vielfalt?

WÄGELE: Viele verbinden Vielfalt mit dem Bild der Löwenzahnwiese, die jedoch genau das Gegenteil anzeigt: den Verlust von Pflanzenarten durch die Überdüngung unserer Landschaften. Manche Wildbienen brauchen zudem Sandböden, um ihre Brut im Boden abzulegen. Andere Tiere sind auf Steinmauern angewiesen, die im Sommer heiß werden oder auf kleine Feuchtgebiete. Wenn wir nur grüne Wiesen hätten, würden viele kleine Lebensräume fehlen.

EWERT: Die Landwirtschaft hat in diesem Zusammenhang sogar positive Effekte. Ohne sie hätten wir überall in Deutschland Waldökosysteme.

BÖHNING-GAESE: Buchenwälder wie im Taunus, um genau zu sein. Der klassische Hallenbuchenwald ist dabei ziemlich artenarm. Was ich noch wichtig finde: Auch die Städte und Kommunen könnten mehr tun.

Wie meinen Sie das?

BÖHNING-GAESE: Eine Stadt mit reichhaltigen Parks und bunten Vorgärten hat eine höhere Diversität als die Flächen der industriellen Landwirtschaft, doch es wird zu wenig darauf geachtet, was mit den Grünanlagen passiert. Muss man sie wirklich zehnmal im Jahr mähen? Und wenn Sie in ihrem Garten nur noch Rasen kultivieren, haben Sie dort keine Artenvielfalt mehr. Als Wissenschaftler müssen wir zum Nachdenken anregen, die Neugierde auf die Natur wecken.

Wie wollen Sie das anstellen?

BÖHNING-GAESE: Mit der Yale University haben wir zum Beispiel die App »Map of Life« entwickelt. Sie zeigt mir die Artenvielfalt an meinem aktuellen Standort, und ich kann Arten melden, die ich gesichtet habe. So gewinnen wir auch Daten für unsere Arbeit, die wir natürlich sorgfältig prüfen müssen.

EWERT: Wir haben den »Mückenatlas«. Bürgerwissenschaftler können Mücken einschicken und bestimmen lassen. Wir bekommen so eine Datenlage über die Zeit. Und wir machen klar, dass wir nicht nur die »guten« Arten im Auge behalten sollten, sondern auch vermeintliche Plagegeister.

WÄGELE: Das hat mich in der Debatte zum Insektensterben am meisten erstaunt. Ich hatte befürchtet, dass die Leute sich freuen, dass die Mücken weniger werden, die Wanzen und sogar die Zecken. Aber es kam anders. Es hat sich ein Bauchgefühl durchgesetzt, dass in unseren Ökosystemen etwas ganz grundsätzlich schiefläuft.

BÖHNING-GAESE: In sehr feuchten Regionen dürfte man das anders sehen. Die Mückenschwärme am Rhein werden seit Jahrzehnten mit einem speziellen Bakterium bekämpft. Ihre Larven fehlen Fischen und Vögeln als Futter. Mehr Artenvielfalt zuzulassen, kann also auch heißen, dass man im Sommer nicht mehr auf der Terrasse sitzen kann. Sind wir dazu bereit?

Müsste man stärker betonen, wie jeder Einzelne von der Natur profitiert?

BÖHNING-GAESE: Unsere Ökosysteme sind unsere Lebensgrundlage. Inzwischen wissen wir auch, dass Biodiversität signifikante Effekte auf unser persönliches Wohlbefinden hat. Menschen, in deren Nachbarschaft viel Grün ist und viele Vögel vorkommen, sind gesünder.

WÄGELE: Man sieht das in einigen Ländern Südamerikas. Menschen, die in einfachen Hütten leben, pflanzen blühende Büsche auf ihre Parzellen oder stellen kleine Schalen auf, um die Kolibris zu füttern. Es steckt wohl in unseren Genen, dass es sich in einer intakten und reichen Natur gut leben lässt.

Was können Sie als Wissenschaftler tun, um die Vielfalt zu erhalten?

WÄGELE: Wir brauchen etwas, was die Klimaforscher bereits haben: Institute, die dafür bezahlt werden, dass sie langfristig Daten erheben.

BÖHNING-GAESE: Wir Museen erhalten Sammlungen über Jahrhunderte hinweg. Denselben Auftrag brauchen wir für ein Monitoring der Arten.

Auf unseren Wiesen sind braune Schafe selten geworden, denn ihre Wolle lässt sich nur schwer färben. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) hat zum Beispiel das Rauhwollige Pommersche Landschaf in die Kategorie III (gefährdet) der Roten Liste eingestuft (Stand 2019) . © Birderswiss Photography | Pixabay
Auf unseren Wiesen sind braune Schafe selten geworden, denn ihre Wolle lässt sich nur schwer färben. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) hat zum Beispiel das Rauhwollige Pommersche Landschaf in die Kategorie III (gefährdet) der Roten Liste eingestuft (Stand 2019) . © Birderswiss Photography | Pixabay

Wenn wir so weitermachen, bleibt nichts übrig.

Werden Phänomene wie das Artensterben, die Ernährungssicherheit und der Klimawandel zu oft isoliert betrachtet?

EWERT: Das war die Diskussionskultur der Vergangenheit. Wir haben uns ein Problem vorgenommen, es analysiert und dann versucht, eine Lösung zu finden. Aber eben im abgeschirmten Kessel. Heute sehen wir immer deutlicher, wie alles zusammenhängt.

BÖHNING-GAESE: Der Wille ist da, über Disziplinengrenzen hinweg zu forschen. Das humboldtsche Bildungsideal des integrativen Denkens erlebt eine Renaissance.

WÄGELE: Im Moment investieren zudem mehrere Ministerien in die Biodiversitätsforschung. Das ist gut — wenn es tatsächlich nachhaltig ist.

BÖHNING-GAESE: Leider gibt es heute auch Kräfte, die gegen die Artenvielfalt arbeiten. Mit der AfD haben wir eine Partei, die den Abschuss von Wölfen erlauben will — kaum, dass sie wieder bei uns heimisch werden.

Was ist Ihre Prognose für die Artenvielfalt in Deutschland?

WÄGELE: Wenn wir Menschen so weitermachen wie bisher, können wir die Kurven einfach verlängern. Dann geht es bergab, bis nichts mehr übrig ist. Nur ein Beispiel: Im »Brutvogelatlas« des Dachverbands Deutscher Avifaunisten, einer Art Deutschlandkarte der Vogelvielfalt, kann man noch immer das Gebiet der DDR erkennen. Pro Quadrant gibt es in den neuen Bundesländern 30 bis 40 Vogelarten mehr als im Westen. Ich sage aber voraus, dass die Zahl der Vögel auch in Ostdeutschland stark zurückgehen wird — weil die Landwirtschaft intensiver wird.

EWERT: Das ist die Frage. Gibt es diese einfachen Zusammenhänge wirklich? Wir müssen experimentelle Arbeiten mit mathematischen Modellen verbinden, um belastbare Vorhersagen treffen zu können. Am besten ließe sich das auf Basis von Arten beginnen, bei denen wir wissen, welche Auswirkungen die Landwirtschaft auf sie hat.

BÖHNING-GAESE: Wir können zum Beispiel unterschiedliche Flächen miteinander vergleichen, die auf verschiedene Weise genutzt werden. So können wir grobe Vorhersagen treffen, was passiert, wenn wir an einzelnen Stellschrauben drehen. Verbieten wir Glyphosat, verbreiten sich dann andere Gifte? Wir müssen das Gesamtsystem verändern. Das ist dann eher Politik als Wissenschaft.

Wenn Sie Politiker wären: Wie würden Sie die Landwirtschaft der Zukunft gestalten?

BÖHNING-GAESE: Wir dürfen nicht nur an den Naturschutz denken, sondern müssen an allen Stellschrauben auf einmal drehen. Wir müssen bei der Agrarpolitik in Brüssel anfangen, bei den Planungen der Kommunen weitermachen und auf die Märkte gucken. Aber auch auf die Zivilgesellschaft, die Menschen.

EWERT: Fast jede Schutzmaßnahme bedeutet für Landwirte Ertragseinbußen. Die Ausgleichszahlungen dafür sind an strenge Richtlinien gekoppelt. Wir brauchen flexiblere Anreizsysteme, die Beiträge zum Artenschutz honorieren. Wir müssen auch die Möglichkeiten neuer Technologien nutzen. Welche Chancen bringen zum Beispiel Robotik, Sensorik oder autonome Fahrzeuge mit sich?

WÄGELE: Die Reform der Landwirtschaft allein wird jedoch keine Wunder vollbringen. Das Kernproblem ist das Wachstum der menschlichen Bevölkerung und unser hoher Ressourcenverbrauch. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, etwa durch Bildungsprogramme, dann sieht es düster aus mit der Artenvielfalt.

Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V. wählte das Mangalica-Schwein, auch Wollschwein genannt, zum Gefährdeten Nutztier 2019. © Bruno Germany | Pixabay
Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V. wählte das Mangalica-Schwein, auch Wollschwein genannt, zum Gefährdeten Nutztier 2019. © Bruno Germany | Pixabay

Prof. Katrin Böhning-Gaese ist Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums und Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft

Prof. Frank Ewert ist Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V.

Prof. Wolfgang Wägele ist Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig — Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere

Institution: Leibniz-Gemeinschaft
Ansprechpartner/in: Prof. Frank Ewert

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